Wie die Übersetzung der Bibel die tatarische Sprache bereichert

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Zum englischen Originalartikel von SIL, einer Partnerorganisation von Wycliff:
https://eurasia.sil.org/topics/translation/the_tatar_bible

Tartarisches Mädchen in weiß-hellblauem Kostüm vor weiß-rot-goldenem Hintergrund streckt die Arme zur Seite, hat die Augen geschlossen.
Foto: Michael Greed, SIL

Kasan, die Haupstadt von Tatarstan, liegt am Ufer der Wolga im europäischen Russland. Als 1994 ein Institutsleiter der dortigen Akademie der Wissenschaften eine Übereinkunft mit dem Institut für Bibelübersetzung in Moskau unterzeichnete, tat er es, weil er die Bibel als Werk der Weltliteratur erkannte
und glaubte, dass eine Sprache ohne sie verarmt ist.

Über 20 Jahre harter Arbeit später hat die Bibel auf Tatarisch die lexikalischen und semantischen Möglichkeiten der Sprache bereichert und ihre Kapazität vergrößert, eine Vielzahl von Begriffen und Konzepten auszudrücken.

Im Übersetzungsteam arbeiteten auch Spezialisten von SIL mit.
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Literarische Vielfalt

Schon allein dass Literatur aus dem Altertum ins Tatarische übersetzt wurde, deren älteste Teile mehr als 3000 Jahre alt sind, hat die Sprache weiterentwickelt. Eine breite Vielfalt an Literaturgattungen ist in der Bibel vertreten, für die die Sprache mit Erfolg „gedehnt“ wurde. Manche dieser Gattungen – u.a. Erzählungen, Geschichtsschreibung, Sprichworte, Predigten und Lehrtexte – waren im Tatarischen bereits verbreitet, manche jedoch weniger, zum Beispiel die markante Form des Parallelismus, der sich häufig in hebräischer Poesie findet, und die griechische Form des Verfassens von Briefen.

Darüber hinaus reichen die Gattungen vom gehobenen literarischen Stil mancher alttestamentlicher Propheten bis hin zum eher umgangssprachlichen Stil eines Großteils der Evangelien.
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Hebräische Poesie

Parallelismen und chiastische Strukturen sind grundlegend für die hebräische Poesie. Tatarische Poesie jedoch basiert auf gleicher Silbenanzahl je Zeile und Reimen, die die Zeilen verbinden. Wiederholungen sollte man vermeiden.

Doch dadurch, dass Tatarisch reich an Synonymen und Worten mit ähnlicher Bedeutung ist, kann es die Parallelismen hervorragend transportieren. Ein Beispiel:

Woher kommt denn die Weisheit?
            Und wo ist die Stätte der Einsicht?
Sie ist verhüllt vor den Augen aller Lebendigen,
            auch verborgen den Vögeln unter dem Himmel. – Hiob 28, 2021 (LUT17)

Vögel fliegen überm schneebedeckten Dach eines Holzhauses in den hellen Himmel

Das Übersetzungsteam zählte keine Silben, erzwang auch keine Reime, sondern verließ sich auf die Intuition des Übersetzers. So heißt die Stelle auf Tatarisch:

Alaysa, ziräklek qayan kilä soñ?
            Zihenneñ çıganagı qayda?
Ul bar terek cannıñ küzennän yäşerelgän,
            kük qoşlarınnan da kaçırılgan.

Wörtlich übersetzt heißt das etwa:

Also, Weisheit woher kommt dann?
            Die Quelle des Intellekts ist wo?
Sie vor aller lebenden Seelen Augen ist versteckt,
            vor des Himmels Vögeln sogar ist verborgen.
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Sprichwörter

Sprichwörter sind in der tatarischen Kultur beliebt, und die Weisheitsliteratur der Bibel hat dem Tatarischen viele neue Sprichwörter geschenkt. Zum Beispiel:

Ein Wort, geredet zu rechter Zeit, ist wie goldene Äpfel auf silbernen Schalen. – Sprüche 25,11 (LUT17)

Goldene Äpfel in einer silbernen Schüssel

Auf Tatar:

Ädäple äytelgän süz yaltırawıq kömeş sawıttagı altın alma kebek.

Zurückübersetzt heißt das etwa:

Ein bedachtsam gesagtes Wort in glänzendem Silberteller goldenem Apfel ähnlich (ist).
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Personennamen

Das Team musste auch Übersetzungen für die etwa 2500 Personennamen finden. Viele Namen, die den Menschen durch den Koran vertraut waren, wurden in dieser Form übernommen. Andere wurden nach drei Gesichtspunkten übertragen: Sie sollten die hebräische Aussprache wiedergeben, dem tatarischen Lautsystem folgen und für das tatarische Ohr einen angenehmen Klang besitzen. Beispiele sind Ibrahim für Abraham (aus dem Koran), Sädıqıyya für Zedekiah (aus dem Hebräischen), und Estefan für Stephanus (aus dem Griechischen).

Einer Gruppe Menschen, die lockere, meist weiße oder hellbraune Gewänder sowie Tücher am Kopf tragen
Foto: freebibleimages.org | Lizenz: creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0 | bearbeitet

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Neue Wörter, neue Vorstellungen

Die tatarische Bibel beinhaltet Wörter, Ausdrücke und Konzepte, die in der Sprache neu sind. Mithilfe bestehender Muster wurden neue Wörter gebildet. Beispielsweise gibt es im Tatarischen das Wort ildäş, „Mit-Landbewohner(in) und yuldaş, „Mit-Reisende(r)“. Das Suffix daş/däş zeigt eine gemeinsame Erfahrung an. Il wiederum bedeutet „Land“ und yul „Straße“. Ein anderes Wort, iman, bedeutet „Glaube“. Auf Basis des Musters schuf das Übersetzungsteam das Wort „Mit-Gläubige(r): imandaş.

Weitere neue Wörter, die beim Übersetzungsprozess entstanden, beinhalten: Allahı yortı (Tempel), izge çatır (heilige Stiftshütte), kileşü sandıgı (Bundeslade), ülelär aymagı/dönyası (Welt der Toten, Sheol bzw. Hades) und qanün belgeçe (Schriftgelehrter, wörtlich „Gesetzesgelehrter“).

Ein anderer Begriff, may sörtü (wörtlich: „Öl wischen“), entstand als Bezeichnung dafür, jemanden mit Öl zu salben. In der alttestamentlichen Kultur wurden Könige, Priester und Propheten bei ihrer Einsetzung mit Öl gesalbt. Das Partizip „gesalbt“ ist die wörtliche Bedeutung des hebräischen Wortes Messias oder des griechischen Wortes Christos. Auf Tatarisch heißt gesalbt may sörtelgän.

Ein Rezensent mit akademischem Titel schrieb: „Die Übersetzung der Bibel ins moderne Tatarisch ist auf einem hohen Niveau vollendet worden – in Übereinstimmung mit den modernen literarischen Standards der tatarischen Sprache. Diese Übersetzung wurde seit langem benötigt, und ihre Veröffentlichung kommt genau zur richtigen Zeit.“

Tatarische Bibel: Links: Bucheinband, bemalte Figuren stehen daneben. Rechts: ausgeschlagene Doppelseite mit schwarz-weißen Ornamenten.
Fotos: Michael Greed, SIL